Das Unbewusste in der heutigen Tiefenpsychologie

Freuds Grundannahme, dass durch automatische, zumeist unbewusste Abwehrmechanismen Gedanken oder Impulse, welche Angst auslösen, aus dem Bewusstsein verdrängt werden, und unbewusst weiter wirken und sich als Krankheitssymptome ausdrücken können, wird von allen tiefenpsychologischen Schulrichtungen vertreten. Auch das Freud’sche Strukturmodell der Psyche mit der Annahme von Ich, Es und Überich als unterschiedliche Persönlichkeitsanteile ist aktuell. Freuds Theorien sind immer wieder bezweifelt und grundsätzlich in Frage gestellt, modifiziert, erweitert und bestätigt worden.

Somatische Aspekte des Unbewussten erkannte und studierte Freud seinerzeit noch weniger als die offensichtlicher zurückführbaren Kopplungen an Charakter und Verhalten. Die heutige psychosomatische Medizin geht davon aus, dass aus dem Bewusstsein verdrängte Inhalte sich in körperlichen und psychischen Krankheitssymptomen ausdrücken können. In der Körperpsychotherapie wird angenommen, dass sich das Unbewusste körperlich auswirken kann und dass körperliche Beeinflussung somatischer Symptome die Gegenenden der sensorischen Nerven direkt beeinflussen könnte. Ein Beispiel für die Anwendung dieser Grundannahme ist die Fußreflexzonentheorie. Alfred Adler beschritt hier den umgekehrten Weg, indem er Zusammenhänge zwischen physischen Defekten und daraus gegebenenfalls resultierenden psychischen Komplexen als Folge einer Überkompensation der körperlichen Schwächen vorstellte. Der Umkehrschluss, dass quasi Gedanken Körper würden heilen können, findet sich in Fachartikeln der pharmazeutischen Wissenschaften belegt als ungültig.

Stark gewandelt haben sich die Annahmen über die Inhalte des Unbewussten in den psychodynamischen Theorien. Die Verdrängung sexueller Impulse hat heute lange nicht mehr die Bedeutung wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie beeinflusst sich unter Rückkopplung von gesellschaftlichen Entwicklungen (wie der versuchten Enttabuisierung der Sexualität) und auch ihrer nachfolgenden Gegenbewegungen. Die psychodynamischen Theorien haben ihre stärksten Erweiterungen durch Forschungen in der Entwicklungspsychologie und durch die Psychotraumatologie erfahren. Heute arbeitet die Psychoanalyse nach wie vor mit einem Mehrpersonen-Modell der psychischen Entwicklung.

Empirische Forschungen an Säuglingen und Kleinkindern und ihren Interaktionen mit den Müttern legten nahe, dass sich in frühen Bindungserfahrungen ein Selbstbild entwickelt, welches aus einer Verbindung sensorischer Erinnerungen mit körperlichen und emotionalen Erlebnissen entsteht. Solche sensorischen Erinnerungen sind später vom kognitivem Bewusstsein kaum zugänglich und beeinflussen gerade deshalb Erleben und Verhalten.

Die Entwicklungspsychologie führte dazu, dass Freud’sche Annahmen verdrängter Triebimpulse durch neue Annahmen ersetzt werden sollten oder mit Begriffen ergänzt wurden, welche der Verdrängung schmerzhafter Täuschungen, etwa eines misslungenen Strebens nach Bedürfnisbefriedigung (als bildendem lernstrategischem Fehlschlag), größere Bedeutung beimessen. Dem Feststellen der Auswirkung einseitiger Erziehungsweise oder einer Überforderung durch die Eltern maß Freud seinerzeit noch weniger Aufwand an analytischer Aufarbeitung bei.

Die Psychotraumatologie geht davon aus, dass verdrängte traumatische Geschehnisse eine dramatische Auswirkung auf Selbstbild und Weltbild haben können. Frühkindliche traumatische Erlebnisse können demzufolge in einem der traumatischen Situation ähnlichen Augenblick, Panik und Hilflosigkeit auslösen.

Der Begriff „unbewusst“ wird auch in der psychologischen Generationsforschung verwendet. Hier meint er ein verdecktes, meist einschneidendes und traumatisches Erlebnis, das durch unterschwellige Verhaltensbeeinflussung generationsübergreifend weitergegeben werden kann, ohne dass das Ereignis selbst allgemein offen thematisiert wird. Dies kann von einzelnen Familien bis hin zu globalen Gemeinschaften jede Größenordnung sozialer Strukturen betreffen. Die durch verdrängte Gedanken und Erfahrungen hervorgebrachten Affekte kontemplatieren wo möglich genetisch prädispositionierte Strategien der unbedingten Bedürfnisbefriedigung (Instinkt) – in Ausnahmefällen bis zur pathologischen, völligen Überlagerung des Instinkts durch den kulturell übertragenen Komplex („Erbsünde“). Die Memetik geht davon aus, dass dies auch zwischen nicht verwandten Individuen möglich sein würde. Dies begründet ein von dem rein pathologisierenden Ansatz absehendes Theorem der faktisch metaphysischen Kommunikation.