Die Entdeckung des Unbewussten

Die historische und anthropologische Forschung zeigt, dass bereits in archaischen Gesellschaften Methoden (teilweise auch zur Behandlung psychischer Störungen) angewendet wurden, in denen Suggestion, also die Beeinflussung vor- oder unbewusster Prozesse, eine entscheidende Rolle spielt. Beispiele dafür sind etwa der Schamanismus, der Exorzismus, „Geistiges Heilen“ und religiöse Riten.

Gemeinsam ist diesen „magischen“ Behandlungsformen in der Regel die Annahme einer ‚unsichtbaren Welt‘ hinter der sichtbaren Alltagswelt, die als Quelle einer geheimen Kraft angesehen wird. Eine solche Annahme kann – in gewissem Sinne – als die früheste Form des später unter anderem von Freud angenommenen Unbewussten gelten. Den Zugang zu dieser – oft als lebensspendend betrachteten – Quelle wieder neu zu erschließen, erachteten die Heiler als maßgeblich für den Erfolg einer von ihnen durchgeführten Behandlung. Erst im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Praktiken die erste systematische Beschäftigung mit dem Unbewussten:

Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) war der Begründer der ersten „dynamischen Psychiatrie“ (ab 1775). Wie die Heiler der außereuropäischen Kulturen ging er von heilenden Kräften aus (magnetische Ströme, Fluidum, Rapport), die der Arzt im Patienten wieder anregen könne. Diese Kräfte nannte er – in Analogie zu den zeitgenössischen Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität – „tierischen Magnetismus“.

Sein Schüler, der französische Artillerieoffizier Marquis de Puységur (1751–1825), entwickelte Mesmers Behandlungsform weiter zur Verabreichung eines sogenannten „magnetischen Schlafes“ bzw. der „magnetischen Hypnose“.

Der deutsche Arzt und Naturphilosoph Carl Gustav Carus (1789–1869), ein Freund Goethes, veröffentlichte 1846 das Buch Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Dort entwickelte er die Begriffe des „Unbewussten“ sowie des „Unbewusstseins“, wobei er diese spiritualistisch-romantisch als „göttliche Natur“ deutete.

1869 veröffentlichte Eduard von Hartmann (1842–1906) sein Buch über die Philosophie des Unbewussten, welches zur Verbreitung und Popularisierung des Begriffs maßgeblich beitrug.

Der französische Neurologe Jean-Martin Charcot (1825–1893) untersuchte am Hôpital Salpêtrière in Paris die „traumatischen Lähmungen“ und erkannte mit Hilfe der Hypnose, dass ihnen keine organischen Störungen zugrunde liegen können: Unter hypnotischer Suggestion ließen sich die Lähmungen beheben. Sigmund Freud arbeitete 1885–1886 vier Monate an dieser berühmten französischen Klinik.

Der französische Philosophieprofessor, Arzt und Psychotherapeut Pierre Janet (1859–1947) war der Gründer eines „neuen Systems der dynamischen Psychiatrie“ (ab 1900). Sein Werk wurde zu einer der Hauptquellen für Freud, Alfred Adler und C. G. Jung.

Als ersten starken Beleg für die Existenz des Unbewussten sah Sigmund Freud (1856–1939) den Umstand an, dass sich das Phänomen der hysterischen Lähmung, mit dem Charcot in Paris experimentiert hatte, bei vielen der Betroffenen anhand hypnotisch suggerierter Befehle zeitweilig beheben lässt, ohne dass die Probanden eine Erklärung hierfür abzugeben wüssten. Rein physiologisch bedingte Ursachen der Lähmung waren somit ausgeschlossen; es wirken Prozesses, die sich dem bewussten Denken nicht ohne weiteres mitteilen. Nach anfänglichen Experimenten mit der bei Charcot erlernten Hypnosetechnik distanzierte er sich davon, da die suggestive Behebung psychosomatischer Symptome nicht von Dauer ist, und gründete stattdessen seine eigene Schule, die „Psychoanalyse“. Deren Erfolge beruhen nach Freud zum einen auf der vernunftgemäßen Einsicht, die der Patient im Laufe der Behandlung über die Ursache seiner Erkrankung gewinnt, und zum anderen auf der Möglichkeit, das neurotische Verhalten anhand der Diagnose in therapeutisch wirksamer Weise aus eigener Kraft zu ändern. Freuds Schriften und Einsichten in die psychische Dynamik sowohl der Individuen als auch ganzer Kulturen haben unsere heutige Auffassung vom Menschen grundlegend geprägt. Zu großer Popularität gelangten vor allem die „Freud’schen Versprecher“, die Freud – neben weiteren Arten von Fehlleistungen – ebenfalls als gute Belege für die Existenz unbewusster Motive und Vorgänge erachtete.

Die von Alfred Adler (1870–1937) entwickelte „Individualpsychologie“ unterscheidet sich von der Psychoanalyse grundlegend durch ihre pragmatische Theorie mit der Betonung der Unteilbarkeit des Individuums und der teleologischen und sozialen Orientierung des Menschen. Mit Freud nahm Adler jedoch an, dass die frühkindlich erlebten Situationen den Lebensstil des Erwachsenen unbewusst beeinflussen. Adlers Lehre hat die Neopsychoanalyse stark mitgeprägt.

Die von Carl Gustav Jung (1875–1961) begründete „analytische Psychologie“ unterscheidet sich von Freuds Psychoanalyse vor allem durch die große Bedeutung, die Jung den archetypischen Dimensionen des Unbewussten beimisst – den im Inneren verwurzelten Bildern früher Bezugspersonen („Imago“), oder dem das Individuum übersteigenden „kollektiven Unbewussten“. Einen allgemeinen Beleg für die Annahme eines Unbewussten fand Jung in seinen Assoziationsexperimenten. Dabei rief er Probanden einige genau festgelegte Wörter zu. Die Probanden sollten so schnell wie möglich mit dem erstbesten Einfall antworten, der ihnen in den Sinn kam. Bei diesen Experimenten fiel Jung auf, dass einige der von ihm vorgegebenen Wörter bei manchen Probanden merkwürdige Reaktionen auslösten. Die Assoziationen zu manchen Wörtern wurden gestört, waren zu langsam oder enthielten Inhalte, die auf einen konflikthaften Zusammenhang schließen ließen. (Zum Beispiel: Arzt: „Wolke“ – Proband: „Luft“. Aber: Arzt: „Mutter“ – Proband sehr spät: „Friedhof“). Aus diesem Zusammenhang schloss Jung, dass es abseits des Bewusstseins unbewusste, oft konflikthafte Zusammenhänge gebe, die er als „Komplexe“ bezeichnete.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981), der für die Entwicklung der Psychoanalyse in Frankreich eine zentrale Rolle spielte, widmete sich einer erneuten Lektüre der Schriften Freuds im Lichte der strukturalistischen Methode. Lacan betonte, auch vor dem Hintergrund der Freud’schen Theorie der Fehlleistung und des Witzes, dass das Unbewusste „wie eine Sprache“ strukturiert sei. Die Arbeit des Unbewussten erfolge nach linguistischen Gesetzen wie Metapher und Metonymie, Ersetzung und Verschiebung. Die entsprechenden Elemente des psychischen Geschehens nannte er Signifikanten, jedoch spiele neben dem sprachähnlich strukturierten Feld des Symbolischen auch das Imaginäre und das Reale eine zentrale Rolle im psychischen Apparat. Die eigentliche Strukturierungsleistung, und auch die psychoanalytische Kur, vollziehe sich aber auf dem Feld des Sprechens. Lacans Weiterentwicklung war vor allem für den Poststrukturalismus von prägender Bedeutung.

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbewusste, 01.09.2014)